Die Ahnen Reuter

Auszug aus der Broschüre “Karl Goebel, seine Frau Emma, geb. Plange und ihre Vorfahren” von Bergassessor a.D. Karl Goebel

3. Die Ahnen Reuter

Als der spätere Gymnasialdirektor Karl Goebel seine Lehrtätigkeit in Höxter aufgab, um nach Magdeburg überzuwechseln (vgl. vorstehende Seite 13), ließ er dort eine Liebe zurück, die Tochter Auguste des Justizrats Wilhelm Reuter. Schriftlich erhielt er in Magdeburg das Jawort. Darob freudig erregt, zerbrach er in stürmischer Umarmung einem Freunde die Rippe.

Über Augustes Großeltern, Eltern und Geschwister unterrichtet uns die folgende Übersicht (Seite 18).

Auguste Reuters väterliche Ahnen lassen sich über zwei Seitenlinien-Rauschenbusch und Delius – bis in die Zeit vor dem dreißigjährigen Krieg zurückverfolgen, entsprechend der 10. Generation, vom Meyericher Brautpaar Goebel / Plange, d.h. der Jahrhundertwende 1899/1900, aus gerechnet. Über diesen Zeitraum gesehen, entdecken wir im Ahnenstammbaum unter den direkten väterlichen Vorfahren von Auguste Reuter zwölf Pastoren. Das Wirkungsfeld dieser Seelsorger waren Gemeinden im früheren Fürstentum (bis 1918) Schaumburg-Lippe mit Bückeburg als Residenz und in dem ihm benachbarten Ravensberger Land – seit 1618 brandenburgisch, vorher jülisch – mitsamt dem seit 1648 ebenfalls brandenburgischen, ehemaligen weltlichen Territorium des Bistums Minden; bei dieser brandenburgischen, später preußischen Region handelt es sich um das Gebiet der Kreise Halle in Westfalen, Bielefeld, Herford, Lübbecke und Minden beiderseits des Teutoburger Waldes und der Porta Westfalica. Hier wohnte seit jeher eine überwiegend protestantische Bevölkerung, Nachkommen der Waffengefährten Widukinds, des westfälischen Häuptlings und Führers der Sachsen im großen Kampf gegen Karl den Großen 777 nach Chr.

Der älteste im Stammbaum nachgewiesene Pastor, zugleich überhaupt der älteste nachgewiesene Vorfahre, war Johann Cornelius Delius (1554-1637); er wird als der erste reformierte Prediger der Gemeinde Kleinenbremen – nahe Bückeburg gelegen – bezeichnet. Sein Sohn übernahm die Gemeinde im dreißigjährigen Krieg. Sodann erscheint in der Ahnenliste für die Zeit des dreißigjährigen Krieges als Lagerpastor des Generals Steinbock der direkte Vorfahre Jesaia Rauschenbusch, welcher als Pastor in Meerbeck/Schaumburg-Lippe 1682 starb. Diese Pfarre hatte er von seinem Schwiegervater Schwantesius übernommen; sie ging nach ihm auf seinen Sohn über. Die Träger des Namens Reuter, welche zeitlich gesehen, vor dem Justizkommissar Johann Karl Franz Reuter (vgl. den Ubersichtsstammbaum auf Seite 18) in der Ahnenliste vermerkt sind, übten über vier Generationen hinweg den Pastorenberuf aus, davon zwei hintereinander in der Pfarre von St. Andreas in Lübbecke, einer in Kleinenbremen und der älteste nachgewiesene Vorfahre Reuter mit dem Vornamen Ester in Gütersloh direkt nach dem dreißigjährigen Krieg. Wahrscheinlich ist Gütersloh im Münsterland die Stammheimat der Reuters. Sie haben sich früher anscheinend Ryther geschrieben. Das Wort Reuter stellt eine Nebenform von »Reiter« dar, läßt sich aber auch von »reuten«, d.h. roden, ableiten; letzteres erscheint wahrscheinlicher.

Johann Carl Franz Reuter (1775-1828) Lübbecke + Halle/Westf. Justizkommissar

Johanna Charlotte Dröge (1772-1815) * Versmold t Schildesche (Bielefeld) 22.10.1801

Wilhelm Reuter (1808-1883) * Schildesche t Höxter Justizrat

Christian Friedrich Engelking (1759-1830) * Lahde a. d. Weser t Schlüsselburg Landwirt

Friederike Elisabeth Niemann (1775-1848) * Schlüsselburg t Schlüsselburg 9.10.1796

Malwine Engelking (1819-1892) * Schlüsselburg t Hagen (Grab in Höxter) 16.10.1838

1 Emilie \ Auguste \ Anna i Georg

1839-1915 1844-1925 1852-1927 1855-1930

o° Bartels oo Goebel » Klingemann

* Halle/Westf. * Halle/Westf.

t Höxter t Soest t Berlin t Dortmund

Franz 1841-1923 * Halle/Westf. t Detmold

Carl 1847-1895

t Acapulco/ Mexico

Wilhelm 1850-1873

t Habana/ Cuba

Fritz 1861-1921

t Berlin

«

Friederike Engelking geb. Niemann Justizrat Wilhelm Reuter

(1775-1848) (1808-1883)

Der juristische Beruf ist des öfteren bei den väterlichen Ahnen vertreten. Unter ihnen finden sich höchste Staatsbeamte, z. B. ein Syndikus und ein Landesrent-meister der Grafschaft Ravensberg, sowie ein Kanzler des Fürstentums Lippe-Detmold aus Lemgo.

Der letzte unter den direkten Vorfahren namens Reuter hieß Wilhelm (vgl. Übersichtsstammbaum Seite 18). Er ist 1808 in Schildesche – heute zu Bielefeld gehörig – geboren. Wie sein Vater, der als Justizkommissar für die Ämter Schildesche und Werther bestellt war, studierte auch Wilhelm Reuter Jurisprudenz. Zunächst als »Rechenaktuarius und Canzleidirektor« in Halle in Westfalen beschäftigt, ließ er sich später als Rechtsanwalt und Notar in Höxter an der Weser nieder. Er wurde mit dem Titel Justizrat ausgezeichnet und genoß ob seiner juristischen Qualitäten einen hervorragenden Ruf. Zu seinen Klienten gehörten der Herzog von Ratibor in Corvey, dessen Justitiar er wurde.

Die um elf Jahre jüngere Frau Wilhelm Reuters, Malwine geb. Engelking, stammte aus Schlüsselburg in der Weserniederung 25 km unterhalb Mindens. Ihre Vorfahren lassen sich über vier Generationen hinweg bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts nachweisen, zumeist in Schlüsselburg und weseraufwärts seßhaft, wo sie als Landwirte, gelegentlich in der Stelle eines Bürgermeisters, und als Geschäftsleute erscheinen.

Der Ehe von Wilhelm Reuter und Malwine Engelking entsprossen zehn Kinder, vier Töchter und sechs Söhne. Je eine Tochter und ein Sohn verstarben im frühesten Alter. Von den fünf Söhnen (vgl. Übersichtsstammbaum auf Seite 18) wanderten zwei aus, Carl als Farmer nach Mexico und Wilhelm als Einkäufer für die von ihm mitgegründete weltbekannte Tabakfirma Upmann & Co. nach Cuba; beide verstarben vorzeitig an gelbem Fieber. Sohn Franz war als aktiver Offizier im Großen Generalstab tätig und stand zuletzt im Rang einen Oberstleutnants. Georg stieg bis zum Oberlandesgerichtspräsidenten in Naumburg auf, Fritz wurde Mediziner und als solcher Chefarzt der Lungenheilstätte in Buch bei Berlin; er war nur acht Jahre älter als sein Neffe, der spätere Prof. Dr. med. Karl Goebel, der ihm zeitlebens sehr nahe stand. Von den drei Töchtern des Justizrats Wilhelm Reuter heiratete Emilie, die »Gute«, den Baurat Wilhelm Bartels nach neun Jahren des Freiens, Anna, die »Kluge«, Gottfried Klingemann, den späteren Präsidenten der Preußischen Zentral-Bodenkreditgesellschaft in Berlin, und schließlich Auguste, die »Schöne«, den späteren Gymnasialdirektor Karl Goebel. Die Töchterstämme von Justizrat Wilhelm Reuter wie auch die Stämme der Söhne Franz und Georg haben eine zahlreiche Nachkommenschaft zu verzeichnen.

4. Auguste Goebel, geb. Reuter

Auguste war wahrhaft schön. Ein Freund der Familie sagte einmal: »Da bildet sich Karl Goebel« – der Sohn von Auguste und spätere Prof. Dr. med. – »ein, eine schöne Frau zu haben, aber seine Mutter war noch tausendmal schöner als Emma Plange.« Auguste war nach Angabe von Sohn Karl etwas herb und scheu; eine rechte innere Gemeinschaft mit dem Vater hätte man nicht gemerkt: »Beim Vater war die Überlegenheit des Verstandes und der Logik, die nicht gemildert wurde durch liebevolles Entgegenkommen der Frau und Einsicht derselben in ihre Unterlegenheit.« Auguste, geistig rege, las viel, spielte Klavier, zeichnete gut und hatte überdies beste hausfrauliche Eigenschaften. Sie war sehr sparsam; einem Ondit zufolge habe sie sich auf die Bettwäsche gesetzt, um das Bügeln zu sparen. Ihre Tochter Adelheid erzählte hierzu, daß ihre Mutter bei der tagelangen stupiden Bügelei stets für geistige Abwechslung durch Lernen von Gedichten, Vorlesen von Literaturstellen u. ä. gesorgt hätte. Sie verstand es nicht, in gute Beziehung zur Familie Goebel/Kleinschmit, in die sie hineinheiratete, zu